48h Neukölln: Collagierte Echtheiten 23. 6. 19.30 Uhr

Lesung zum Festivalthema von „48h Neukölln“

Mit Anja Kümmel, Hannes Bajohr, Volker Kaminski, Elisabeth Hager, Johann Wiede, Mareen Bruns und Frank Behnke.

Anja Kümmel: V oder die vierte Wand (Hablizel, 2016)
Anja Kümmels Roman „V oder die vierte Wand“ ist ein Zukunftsroman, der eigentlich keiner ist. Er praktiziert ein kreuz und quer wucherndes , wie vom hereingebrochenen Chaos aufgewühltes Erzählen. Die titelgebende Vierte Wand – ein Begriff aus dem Theaterbereich, der die imaginäre Wand zwischen einem auf der Bühne dargestellten Raum und dem Publikum beschreibt – wird nicht etwa dadurch durchbrochen, dass sich Protagonisten des Romans direkt an die Leserschaft wenden würden. Eher ist die Aufhebung der Vierten Wand als Idee zu verstehen, analog zur zunehmenden Öffnung des individuellen Privatraums zu einer kollektiven Öffentlichkeit hin, wie sie sich durch staatliche Überwachungsmaßnahmen einerseits, durch das Aufgehen des privaten Lebens in einem Social-Media-Äther andererseits vollzieht. Die Auflösung der privaten Einheit des Menschen zeitigt auch eine Auflösung seiner inneren, seiner gedanklichen Integrität. Stilistisch umgesetzt wird diese Zerrissenheit, indem das Erzählen eine kurze Aufmerksamkeitsspanne imitiert, Gedankengänge plötzlich abbrechen lässt, zusammenhanglos einen neuen Gedanken ankoppelt, der wiederum von Zwischengedanken zerrissen wird Damit treibt Anja Kümmel eindrücklich den Roman an den Rand der Lesbarkeit und oftmals darüber hinaus.

Anja Kümmel, geboren 1978, lebt als freie Autorin und Journalistin in Berlin. Studium der Gender Studies in Los Angeles, Madrid und Hamburg. Früher Fan düsterer Dystopien von „Blade Runner“ bis „The Handmaid’s Tale“, heute Kritikerin des real existierenden kybernetischen Kapitalismus. Neben zahlreichen Publikationen in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlichte sie fünf Romane, zuletzt „Träume digitaler Schläfer“ (2012).

Hannes Bajohr: Halbzeug. Textverarbeitung (Suhrkamp 2018)
Wo alles Text ist, weil alles Code ist, gibt es kein Werk mehr, nur noch Halbzeug, vorgefertigtes Rohmaterial. Bilder, Filme, Töne, Wörter – im Digitalen ist alles offen dafür, wieder und weiterverarbeitet, transcodiert und prozessiert zu werden. Hannes Bajohrs Lyrikband beweist, dass aus recycelten Texten scharfsinnige Gedichte entstehen können. Inspiriert von der Avantgarde der Moderne, bedient er sich der Technik des 21. Jahrhunderts: Mit Hilfe von Algorithmen hat er u. a. die Romane Kafkas, Bundestagsprotokolle oder Klimaschutzberichte fragmentiert, transkribiert und neu geordnet. Seine Gedichte eröffnen so einen ganz anderen Blick auf Rezeption und Autorschaft im Zeitalter der Digitalisierung.

Hannes Bajohr, geboren 1984 in Berlin, ist Philosoph und Schriftsteller. Er wurde an der Columbia University in New York mit einer Dissertation zu Hans Blumenbergs Sprachphilosophie promoviert und ist derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin. Zusammen mit Gregor Weichbrodt betreibt er 0x0a, ein Textkollektiv für digitale konzeptuelle Literatur. Letzte Veröffentlichungen: Timidities (Berlin: Readux 2015), Durchschnitt. Roman (Berlin: Frohmann 2015), Monologue (Berlin: Frohmann 2017), Halbzeug. Textverarbeitung (Berlin: Suhrkamp 2018).

hannesbajohr.de | 0x0a.li

Volker Kaminski Auf Probe (Wortreich 2018)

Was ist Glück und was macht es mit einem Menschen, wenn die Wahrheit, die man zu wissen glaubt, ins Wanken gerät? V. K.s neuer Roman „Auf Probe“ erzählt von einem Protagonisten, dem die Welt nach dem Tod seiner Mutter ins Wanken gerät. Legenden, Lebenslügen tun sich auf. Er aber blickt trotzig in seine Zukunft, die er sich nicht ohne die Musik vorstellen kann. „Und jeden Morgen war er sicher, dass die fünf Finger seiner rechten Hand der Anzahl der Tage entsprechen, die es noch dauern würde, bis ihn ein kleines Wunder an den Beginn eines neuen Lebens verschlug.“

1958 in Karlsruhe geboren .1981 bis 1983 Studium der Germanistik und Philosophie an der Albert-Ludwig-Universität. Seit 1994 freier Schriftsteller, Schwerpunkt: Romane, Kurzgeschichten. Daneben auch journalistische Arbeiten: Essays, Glossen, Rezensionen. Seit 2014 Lehrbeauftragter für Creative Writing/Romanwerkstatt an der Alice Salomon Hochschule Berlin

Elisabeth Hager, 5 Tage im Mai (Klett-Cotta, 2019!)
In ihrem zweiten Roman „5 Tage im Mai“, der im Februar 2019 bei Klett-Cotta erscheinen wird, entwirft sie ein literarisches Modell ihrer Tiroler Heimat, das sich nicht auf Tatsächlichem stützt, sondern vielmehr auf innere Wahrheit im Sinne von Brecht. „Realismus ist nicht, wie die Dinge wirklich sind.“ In ihrer Lesung führt sie einen traumhaften autofiktionalen Raum, zu der anrührenden Geschichte von einem uralten Mann und einer jungen Frau.

Geboren 1981 in St. Johann in Tirol, lebt als freie Autorin und Klangkünstlerin in Berlin und Tirol.
Nach Studien der Komparatistik, Germanistik, christl. Philosophie und Angewandten Literaturwissenschaft in Innsbruck, Aix-en-Provence und Berlin seit 2008 literarische Veröffentlichungen sowie journalistische Arbeiten. Seit 2010 freie Mitarbeiterin der
Abteilung Radiokunst von Deutschlandfunk Kultur. 2012 erschien ihr Romandebüt „Kometen“ im Milena Verlag. 2014 folgte das Hörspiel „Der Knochen“, bei dem sie auch Regie führte und sprach. 2017 konzipierte sie für Deutschlandfunk Kultur eine sechsteilige Kurzfilmreihe zur Radiokunst und führte Regie. Im März 2018 kam ihr Libretto „Flucht&Pflicht“ im Konzerthaus Berlin zur Aufführung. Im Frühjahr 2019 erscheint ihr Roman „5 Tage im Mai“ bei Klett-Cotta. Dafür erhielt sie unter anderem das Projektstipendium 2017/2018 des österreichischen Bundeskanzleramts

Matthias W.



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