Booze Poetry Samstag 9. Dezember 2017 19. 30 Uhr

BOOZE POETRY

Literaten scheinen gern unmäßig zu trinken, F. Scott Fitzgerald nannte Trinken „das Laster des Schriftstellers“. Der Dichter Anakreon meinte, es sei beser, betrunken als tot am Boden zu liegen. Die Affinitäten sind bekannt, interessanter ist, welche Spuren es im Werk der Autoren hinterlässt. Wir haben vier Autoren eingeladen, in deren Werk Rauschzustände, der Alkohol eine Rolle spielen und in der einen oder anderen Weise den dichterischen Enthusiasmus zu befördern halfen.

Peter Wawerzinek „ Schluckspecht“ (2014) Aus anfänglich fröhlichen Trinkabenden eines Trinkers entstanden schnell Sucht und Rausch, mit dem fröhlichen Egészségdre Palinka von Tante Luci fing es an, mit dem Schnüffeln am Rumtopf ging es weiter. Und dann folgten Eierlikör, die selbstgebraute ›Schwarze Johanna‹, fröhliche Trinkrunden mit Freunden, Mutproben, Überbietungswettbewerbe, die Unsicherheiten der Adoleszenz, Bier, Wein, ein wildes Leben für die Kunst, Frauen, Feiern, Probleme, Abstürze, Weinbrand, Goldbrand, Schnaps. die etliche Saufkumpane teilten. Verzweiflung und anhaltender Schmerz mehrten sich zugleich deutlich. Peter Wawerzinek beschreibt voller Verzweiflung und Zärtlichkeit seine Sucht und Liebe, seine Rettung und Wandlung.

In seinem neuen Buch „Bin ein Schreiberling“ (Transit 2017) beschreibt er seinen Weg als Schriftsteller. das Schreiben wurde ihm nicht in die Wiege gelegt, wohl aber das Wundern und Grübeln darüber, was ihm das Leben an Erfahrungen bereit hielt – als mecklenburgisches Heimkind, als gefürchteter Plauderer, als Wanderdichter auf verbotenen Wohnungslesungen, als Geheimtipp, als Scheiternder, als triumphierender Champion. Über diese Erfahrungen, über die Selbsterfindung als Autor, über schaurig-komische Erlebnisse im Literaturbetrieb, über sein »Eintauchen« in die alltäglichen Lebensweisen als Voraussetzung fürs Schreiben, über Orte von Köln-Böll bis Dresden-Pegida, in die er eingeladen wurde als See-, Orts- oder Stadtschreiber (und die er aushalten musste) und über Momente, in denen das Schreiben zu einer anderen und sehr riskanten Form der Existenz wird – davon erzählt er anspruchsvoll und komisch in diesem Buch. Schöne, anekdotenreiche Geschichten wechseln sich ab mit genauen, selbstironischen Reflektionen über die eigene Rolle als Autor in einem Literaturbetrieb, der gern auf Rendite setzt und sich mit dem genialen Entwurf ganz, ganz schwer tut.

Florian Günther liest aus neuen Büchern.
„Genug Zeit zu verlieren“ (Neue Fotos. Gebrauchte Gedichte (Gonzo/ Lükknösens, 2015) Wer sind eigentlich die Menschen, die auf dem, Barhocker neben dem eigenen sitzen? Der Dichter, Fotograf und Verleger Florian Günther hat in den vergangenen zehn Jahren viel Zeit mit ihnen verbracht, mit ihnen gestritten, gesungen, gelacht, bei ihnen anschreiben lassen – und sie fotografiert. Das so entstandene Fotobuch ist eine Liebeserklärung an die vom aussterben bedrohten Eckkneipen und Spelunken, mit all ihren schrulligen, schillernden, einzigartigen Protagonisten: Freunde und Fremde, Arnbeiter und Künstler, Frauen von vor und hinter dem Tresen, Ur-Berliner Typen, Rentner, Polizisten, Punks, Kneipiers, Huren und Gestrandete…Ergänzt werden diese Momentaufnahmen durch Gedichte, die in eben solchen Etablissements entstanden sind; auf Pappdeckeln, Kellnerblöcken, Fahrkarten, losen Zetteln, Speisekarten notiert. Gedichte, die, obwohl sie nie oder nur in Ausnahmefällen mit den abgebildeten Personen in Zusammenhang stehen, gleichwohl von ihnen handeln könnten.
„Schutt – Aufgeschnapptes Sprüche und Notizen“ (Edition Lükknösens 2016) Kantige und schrille Sprüche, Gedanken und Verdichtetes in den Traditionen des lichtenbergschen Aphorismus.
Im Dezember 2017 erscheint „Aus der Traum“ (Moloko-Print-Verlag), 75 Gedichte und Fotografien.
Florian Günther wurde1963 in Berlin-Friedrichshain geboren. Nach abgeschlossener Druckerlehre Tätigkeiten als Friedhofsgärtner, Anstreicher, Chauffeur, Paketsortierer, Bauarbeiter, Lager- und Fließbandarbeiter, Buchverkäufer, Punksänger, Grafiker, Pizzafahrer, Fotograf. Er hat mehrere Lyrikbücher verfaßt, ist der Herausgeber der Literaturzeitschrift „DreckSack – Lesbare Zeitschrift für Literatur“ und lebt in Berlin

Jo Frank, „Snacks“. Nichts ist so verbindend und trennend zugleich wie die Sprache: Jo Frank erzählt in multilingualen Texten von einem Leben, das geprägt ist von Radikalität, von einer Kindheit zwischen BBC und Deutschlandfunk, auf dem Rücksitz eines Wagens mit unbekanntem Ziel. Die einzige Heimat ist Sprache, nicht Deutsch oder Englisch oder Hebräisch, sondern der Versuch einer Überbrückung der Distanz zwischen zwei Menschen, und zwischen Gegenwart und Erinnerung: »sage ich sprache, meine ich meine sprache. meine ich eine sprache, die nach cadbury’s chocolate schmeckt.«

Jo Frank lebt als Autor, Verleger und Übersetzer in Berlin. 2005 gründete er mit Dominik Ziller und Andrea Schmidt das Verlagshaus Berlin. Er übersetzte u.a. Die Erbärmlichkeit des Krieges. Kriegsgedichte von Wilfred Owen ins Deutsche (2014).

Nico Feiden „Das Echo des Weines“ (Rhein-Mosel Verlag, 2017) Lyrisch werfen die Gedichte von Feiden ein Blick auf rauschhafte Reiseaufnahmen durch Europa. Fremde Länder und die Idylle der Mosel, verbinden sich zu einem zusammenhängenden Gemälde. Die Distanz dazwischen, bleibt ein Weg, eine Selbstfindung auf den Spuren des Weines, ein Zurückkehren, zu den Anfängen des eigenen Lebens. Die Frage nach Heimat, der Bedeutung von Liebe und Rausch zwischen Freiheitssinn und Selbstverwirklichung sind die literarischen Kernfragen dieses Bandes, der sich romantisch, mit einem Schuss Rauheit, den Schönheiten einer Reise hingibt. „Stell dir mal vor, ich könnte den Himmel trinken, ihn aufsaugen mit meiner Rotweinzunge, was würde es bedeuten, wenn wir ihn teilen?“ (aus: Blauer August)

Nico Feiden geboren 1993 in Zell (Mosel).
Nach einigem Herumreisen lebt & arbeitet er heute als freier Schriftsteller in Hannover & Florenz
Diverse Veröffentlichungen in Anthologien, Rundfunkbeiträge & TV-Berichte im ORF und bei 3Sat. 2016 sein Lyrikband „Blaue Wildnis“ im Elifverlag.

Mit freundlicher Unterstützung: Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa und Ville de Bienne, Direktion Bildung, Kultur und Sport

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Matthias W.



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