Ein abscheulicher Abend mit Krätze und Ebola Do 15. 6. 2017 20 Uhr

Die Krätze war nie weg, sie war immer da. Natürlich auch in Europa. Das beweist nicht nur der vor Kurzem gemeldete Anstieg der Krankheitsfälle in einigen Teilen Deutschlands. Tatsächlich begleitet die Krätze den Menschen seit Jahrhunderten. Das ist nichts Neues. Neu hingegen ist, dass sich diese Erkenntnis nicht nur medizinischen Fachbüchern entnehmen lässt, sondern auch einer belletristischen Neuerscheinung. Der Text selbst ist dabei gar nicht neu, sondern stammt aus der Renaissance. Kunstvoll gestaltet ist er jetzt im Hochroth-Verlag erschienen. „Sylva in scabiem beziehungsweise Wald aus Krätze“ lautet der Titel des Büchleins von Angelo Poliziano, das der Berliner Autor  Tobias Roth virtuos aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt hat. Das kurze Stücke über die Krätze ist einzigartig. Der Sprecher ist von der Krätze befallen. Verzweifelt kratzt und windet, beklagt und bemitleidet er sich. Die Schmerzen sind unerträglich. „Meine Hand reißt die Blutkruste ab vom verwesenden Körper/, Gräbt sich in die aufgeschlitzten Glieder, zerfetzt die Schale der Sehnen und scharrt sich weiter bis auf die Knochen.“ Heilung ist nicht in Sicht, im Gegenteil aus Schmerz und Wut wird schließlich Wahn. „Jetzt hat der Anfall mich mit sich geschwemmt, ich/Will vor mir selbst entkommen, durch das Dickicht der Wälder/ Renne ich tiefer in die Tollwut.“


Tobias Roth, geboren 1985, Autor, Philologe und Übersetzer aus dem Italienischen, Französischen und Lateinischen. 2013 erschien sein Debut „Aus Waben“ im Verlagshaus Berlin. 2016 förderte das Bezirksamt Mitte von Berlin ein Gedicht Roths auf den Straßen von Moabit (1600m Schlämmkreide, mit Sophia Pompéry) und produzierte der Homunculus Verlag Erlangen ein anderes als Tischdecke (100% Baumwolle, mit Julius Walther). Der promovierte Romanist ist Gründungsgesellschafter des Verlags Das Kulturelle Gedächtnis. Zuletzt erschienen im Frühling 2017 seine Neuübersetzung von Voltaires „Der Fanatismus oder Mohammed“ (Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin), sowie die von Roth herausgegebene Anthologie „Lob der mechanischen Ente“ (SuKuLTuR Berlin).


Die bei Sukultur erschienene Erzählung „Ebola Global“ Mikael Vogels  rückt dem schwerverdaulichen Thema unheilbarer Krankheiten mit einem surreal-humoresken Text zu Leibe. Vogel braucht nur drei Wörter, um ein grundsätzliches Tabu zu zersetzen. Aus Menschenperspektive pflegen Viren nicht als Summen von Individuen wahrgenommen zu werden, ja überhaupt denkbar zu sein. Vom Auftritt eines einzelnen Virusteilchens in subversivem Unwillen an entfaltet sich eine unerhörte narrative Woge, die den Leser infiziert und in fortwährender Eskalierung auf nichts weniger als Blut und Vernichtung aus ist. Denn ein Virus kennt keine Gnade.

Mikael Vogel wurde 1975 in Bad Säckingen/Baden-Württemberg geboren. 1994 begann er eine ‚ausschließliche Schreibexistenz’ und seine erste Prosa Seelensturm, die er 2000 fertigstellte. Im Jahre 2001 veröffentlichte er erstmals Gedichte in der Zeitschrift manuskripte. 2002 erhielt er das Hermann-Lenz-Stipendium u. a. für seine Prosa „Das Weltall fällt in sonderbar geformten Stücken“ 2008 erschien der Gedichtband „Kassandra im Fenster“, eine Zusammenarbeit mit Friederike Mayröcker und Bettina Galvagni, in der bibliophilen Reihe Lyrik aus der Offizin S. von Siegfried Höllrigl. Im Jahre 2009 arbeitete Mikael Vogel erneut mit Siegfried Höllrigl zusammen und veröffentlichte den bibliophilen Gedichtband „O Wildnis Dunkelheit! Nachtgedichte.“
Im März 2011 erschien sein Gedichtband „Massenhaft Tiere“ im Verlagshaus Berlin. 2012 hat Friederike Mayröcker zwei Gedichte von Mikael Vogel in die Liste ihrer 25 Lieblingsgedichte aufgenommen. Mikael Vogels aktueller Gedichtband „Morphine“ erschien im März 2014 im Verlagshaus Berlin.  Im Frühjahr 2018 wird sein dritter im Verlagshaus Berlin veröffentlichter Gedichtband „Dodos auf der Flucht“ erscheinen. Seine bereits vor der Ebola-Epidemie von 2014 entstandene Erzählung „Ebola Global“ ist bei SuKuLTuR Berlin erschienen.

Matthias W.



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