LiteraTour NKL: Thorsten Palzhoff Fr. 8.6. 20.30 Uhr

Im Osten neu geboren

Thorsten Palzhoff: Nebentage (Fischer 2018)

Buchvorstellung mit Gespräch

Moderation:  Dieter Stolz

In Thorsten Palzhoffs Debütroman ‚Nebentage‘ wechselt ein junger Westdeutscher 1990 in Leipzig seine Identität. Den äußeren Rahmen der Handlung bilden drei Wochen Haft in einem rumänischen Gefängnis. Dahinein ist ein gewisser Tobias Voss 1995 geraten, weil seine doppelte Identität aufgeflogen ist. In der Zelle schreibt er einige Jahre später für eine ferne Geliebte auf, weshalb ihr Ossi Tobias aus der Platte in Wahrheit ein Wessi namens Felix Fehling ist, aufgewachsen in einem westfälischen Dorf. Ob es besagte Geliebte überhaupt gibt, weiß man übrigens am Ende nicht mehr so genau, aber auch das gehört zur erzählerischen Kunst Palzhoffs. Die Mutation von Felix zu Tobias, vom Wessi zum Ossi, geschah jedenfalls im Frühjahr 1990 ausgerechnet im postrevolutionär brodelnden Leipzig mit einer Rasierklinge an der eingetragenen Körpergröße im fremden Voss-Pass; schon passte er auf Felix. So zumindest will es der reuige Tobias-Darsteller fünf Jahre später der Adressatin und uns weismachen.

Palzhoff beschreibt einen unvollkommenen Helden, den er schuldig werden lässt , und räumt ihm zugleich die Chance ein, sich neu zu erfinden, wohl wissend, wie fragwürdig diese Abnabelung vom alten Leben ist. Gemeinsam mit Nica entdeckt er die Lebensspuren des Tobias Voss, dessen Ausweis ihm erlaubt, in die fremde Identität dessen zu schlüpfen, der ihm so ähnlich sieht.

Eine Geschichte um Identität und Traum. Palzhoff schildert mit erstaunlicher Kenntnis der Topographie der Stadt Leipzig die wilden, anarchischen Freiheitsimpulse vieler Beteiligter und erzählt mit einem genauen Blick auf die verminten Gelände zweier aufeinander prallender Systeme. Aus der Überfülle recherchierten Materials hat Palzhoff kunstvoll den heißen Kern dieser Doppelgänger-Geschichte neu angeordnet. In einer bildkräftigen Sprache erzählt er von den turbulenten Monaten nach der Wende, in denen man sich neu erfinden konnte und noch alles möglich war.

„Dieser Roman gehört zum stärksten, was die deutsche Literatur der vergangenen Jahre zu bieten hat.“ (Zeit online)

https://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/buecher_aktuell/954612_Gefaengnistagebuch.htmlhttps://www.buchtips.net/rez10006-nebentage.htmhttp://www.neue-buchtipps.de/roman/deutsch/703-thorsten-palzhoff-nebentage-s-fischer.html

Im Mai 2018 auf Platz 6 der SRW Bestenliste.

Matthias W.



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