Poetik des Verschwindens Do. 5. 7. 18 20.00 Uhr

Lesung und Gespräch von und mit
Daniel Falb
Martina Hefter
Hendrik Jackson

Moderation: Tom Bresemann

2018 gibt es den Verlag Kookbooks seit fünfzehn Jahren. Ein guter Grund für die drei Kookbooks-Autoren Daniel Falb, Martina Hefter und Hendrik Jackson, zu einem gemeinsamen Lesungs- und Gesprächsabend zusammen zu kommen, der einen Kontrapunkt setzt zur beglückenden Langlebigkeit des Verlags: es geht um Verschwinden.
Die aktuellen Gedichtbände der drei AutorInnen beschäftigen sich, in ihren ganz unterschiedlichen poetischen Schreibweisen, mit den diversen Erscheinungsformen dessen, was nicht länger in der Welt ist.

Martina Hefter: Es könnte auch schön werden (2018)

In Martina Hefters “Es könnte auch schön werden”, einem Band mit Gedichten und Sprechtexten, geht es nicht nur um das Verschwinden eines älteren Menschen aus dem Leben, um das Vergehen und den Tod, es geht auch um das Verschwinden von Menschen am Rand der Gesellschaft aus dem kollektiven Bewusstsein. Ausgehend von einer realen Situation, nämlich der Unterbringung eines schwer kranken Familienmitglieds in einem Altenpflegeheim in Leipzig, versammelt der Band unterschiedliche Texte, die statt Resignation zu bringen poetische Freiräume freisetzen, das Reservoir der Träume und sogar mitunter Trost und Humor. Das Memento mori-Motiv, das die Texte durchzieht, ist erweitert durch die Augenblicke, wo das Räderwerk der Gesellschaft aussetzt. Doch die Autorin knüpft auch Überlegungen darüber an, wie man sich mit dem Thema ästhetisch überhaupt beschäftigen kann und darf. „Wer wird gewinnen/ Wir/ Wer wird lachen und leicht über Tod und Elend hinwegsteigen/ Wir/ Wer wird niemals in Angst und Einsamkeit sterben// wir/ hui die Teufel werfen große Schatten.“

Martina Hefter 1965 in Pfronten/ Allgäu, lebt und arbeitet als Autorin und Performancekünstlerin in Leipzig. Sie verknüpft in ihren Arbeiten darstellende und textliche Verfahrensweisen und ist Mitglied des Leipziger Performancekollektivs Pik 7. Sie veröffentlichte zuletzt Vom Gehen und Stehen. Ein Handbuch, Gedichte (2013), Ungeheuer, Stücke/Gedichte (2016), und aktuell Es könnte auch schön werden, Gedichte und Sprechtexte (2018). Ihre letzten performativen Arbeiten waren „Writing Ghosts“ am LCB Berlin im Rahmen des Text-Tanzprojekts „Steptext“, das Tanzstück Wenn ich diesen Fuß hebe beim Festival “Tanz Schrittweise” in Graz (gem. mit Jana Rath, 2016), das einen Teil von Ungeheuer umsetzte, sowie 2017 mit dem Kollektiv Pik 7 die Performance Stellen Sie sich vor, Sie haben Hühner, wollen aber Rosen, die in mehreren Städten Deutschlands zur Aufführung kam. Zudem arbeitete sie als Interpretin für These Associations von Tino Sehgal im Albertinum Dresden und an der Volksbühne Berlin.

Hendrik Jackson, Panikraum (2018)

Hendrik Jacksons Gedichte analysieren die Momente des Verschwindens, Sterbens eines sich selbst wahrnehmenden lyrischen Ich. „ich tauche unter und etwas drückt auf meine brust, als würde wasser aus meinem körper gepumpt, ich sinke tiefer, strample, schrei..“ Es ist ein hellwacher Panikraum, der sich eröffnet, in dem das versinkende versunkene Ich sich selbst auf die Suche nach „Überbleibseln eines Zusammenhangs“ macht „Du schreibst die Formel für Licht an die Tafel./ sie verwischt in einem wuchtigen Luftstoß, hart wie Granit.“ Was Jackson im Kern interessiert, sind geschichtsphilosophische Zusammenhänge, der innere Überlebenskampf auf dem Planeten in einer sinnentleerten Welt, die voll von „implantierten Satzteilen“ ist. Hier muss auch das Vertrauen in die Sprache zerbrechen. „Du kannst dich erinnern an eine Zeit, als du Glauben hattest, zum Beispiel an das Wort.“ Wo man dem Buch Sinnheische vorwerfen könnte, erwächst ihm aus der panikhaften, fast bis an Selbstentstellung grenzenden Gottsuche in der Nachfolge von Hölderlin, Nietzsche, Goya seine eigentliche Größe. In der Antizipation des eigenen eingetretenen Todes hat er ein Zeitgedicht von wuchtigem philosophischen Maß verfasst.

Hendrik Jackson wurde 1971 geboren, aufgewachsen in Münster/Westfalen, schloss sein Studium der Filmwissenschaft, Philosophie und Slawistik mit einer Arbeit über A. Sokurow ab. Er arbeitete bei Filmen und Hörspielen mit und lebt als Lyriker und Übersetzer in Berlin, ist Mitinitiator diverser Lesungen und Aktionen (u.a. des Parlandoparks: http://parlandopark.wordpress.com ), sowie als Herausgeber verantwortlich für www.lyrikkritik.de und http://summbo.wordpress.com. Jackson wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Wo Jackson sich auf den innersten „Kern“ der Wahrnehmung konzentriert, ereignet sich Verschwinden in Daniel Falbs Gedichtband „CEK“ vor dem Hintergrund der Panoramen geologischer und kosmologischer Zeit. Dabei verschiebt sich das Problem individuellen Verschwindens zum Thema des Verschwindens aller Lebewesen. Die Gegenwart des eigenen Lebens wird rasch archäologisch, dann paläontologisch, dann zum Bestandteil eines geologischen Stratums. Am Ende wird es die Erde selbst sein, die, nach Milliarden Jahren verschwunden sein wird, nichts als ein Bild von sich zurücklässt, das unendlich durch den Weltraum gleitet.

In der Lesereihe „Ori-Junge Literatur“.
Mit freundlicher Unterstützung des Bezirksamts Neukölln.

Matthias W.